Ich nahm den Fuß vom Gas und passierte das Ortsschild. Der Blick auf das Armaturenbrett bestätigte, was mir auch das Navi vorausgesagt hatte: zu früh. Ich lenkte auf den Parkplatz eines Supermarktes und zog die Handbremse. Der Geruch entfernter Landwirtschaft zog durch die Lüftungsanlage ins Auto. Mein Wagen war der einzige auf dem Parkplatz. Das Grau des Betons ging schier nahtlos in das Grau des Himmels über. Kälte kroch über den Boden in meinen Fußraum. Kriechend machte sich auch das Ziehen in meiner Magengrube bemerkbar. In München hatten sie mir gesagt, ich würde die Details vor Ort erfahren. Die Leiche wurde vor drei Tagen im Wald gefunden, so viel wusste ich. Ich schob das Gefühl weg, indem ich mich bewegte. Ich griff nach dem Geldbeutel im Fach der Armlehne, drückte den Zeigefinger in das kalte Metall des Autoschlüssels und stieg aus. Es roch nach Regen. Schnellen Schrittes lief ich über den Parkplatz. Die Türen schoben auf. Der Laden war leer. Nur an der Kasse saß eine junge Frau, die das Kinn auf den Handballen stützte und ins Nichts starrte. Radio-Musik hallte zwischen den Regalen. Sie sah nicht auf, als ich vorbeiging.
Ich fand das Kühlregal und griff ein kaltes Kaffeegetränk, zwei Regale weiter ein belegtes Sandwich. Ich hatte weder Hunger noch Appetit. Die Kassiererin wartete auf mich. Rehaugen. Weder sonderlich interessiert noch geschäftig. Gelangweilt. Ihr Pferdeschwanz hing schief über ihre Schulter und reflektierte kühl das Deckenlicht.
»Guten Tag«, sagte sie.
»Guten Tag.« Ich legte meinen Einkauf aufs Band, das ansprang und ihn gemächlich in ihre Hände leitete – die ihn dann flink über die Kasse zogen.
»Vier Euro sechzig, bitte.«
Ich reichte ihr einen Fünfeuroschein, sie mir das Wechselgeld.
»Der Kaffee ist scheußlich.«
»Ich weiß.«
Fast schmunzelte sie.
Ich sah nach draußen ins Grau und wieder zu ihr. »Wo kann man hier übernachten?«
»Im Gasthof Martin. Die Straße runter. Links am Hauptplatz.«
Ich nickte und nahm meinen Einkauf in die Arm-beuge.
»Sie sind nicht nur auf Durchreise?«, fragte sie.
Neugierde.
»Nein. Also doch – ich bleibe nur ein paar Tage.« Zwei, höchstens drei, wenn ich meinen Zeitplan halten konnte.
»Sightseeing am Stein?«
Wieder ein Hauch von Amüsiertheit. Reichte das schon, um ihre Langeweile zu vertreiben?
»Vielleicht.« Ich gab ihr ein Schmunzeln, rückwärts Richtung Ausgang. »Danke.«
»Schönen Tag.«
»Ihnen auch.«
Im Auto nahm ich einen großen Schluck von dem Kaffee, das Sandwich ließ ich nach zwei Bissen auf dem Beifahrersitz liegen. Dann lenkte ich zurück auf die Straße, vorbei an modernisierten und alt gebliebenen Gebäuden, auf den Parkplatz des Polizeireviers. Ich schaltete den Motor ab, doch blieb sitzen. 12:50. Die Lokalpolizei hatte nicht um Unterstützung gebeten, dennoch hatte man mich geschickt. Seit Monaten wartete ich darauf. Sie tippten auf Selbstmord oder Unfall in Trunkenheit. Standardprozedere hieß es mit einem Lächeln. Gut machbar für einen Anfänger, sagte er nicht, aber ich wusste trotzdem, dass er es dachte. Der Polizeipräsident sah mich als Prestigeprojekt mehr auf dem Papier als im Polizeialltag. ‚Ausbau der Profilingkompetenz‘ und ‚agiler Einsatz psychologischer Expertise‘ klangen gut im Jahresbericht. Jetzt musste ich mein Existenzrecht in Ermittlungsquoten beweisen. Das Ziehen meldete sich wieder. 12:56. Ich fischte meine Aktentasche vom Rücksitz und stieg aus.
Aus dem Raumerfrischer auf der Theke sprühte ein penetranter Geruch nach Zitrone. Ich trat näher, bis der Polizist am Empfang von seinem Buch aufblickte. Das Orangenmädchen. Ich erinnerte mich dunkel an die Sommerlektüre als Jugendlicher, während meine Schwester sich mit dem halben Resort anfreundete.
»Guten Tag, ich bin Kommissar Henri Tarot vom Kriminalfachdezernat München.«
Ich griff zu meiner Hosentasche, um meinen Dienstausweis vorzulegen, doch fand weder Lederetui noch Brieftasche. Entschuldigend langte ich in die Jackentaschen, doch wusste, dass der Ausweis nicht darin sein konnte. Supermarkt? Auto? Es waren wenige Sekunden, bis mir das Hemd am Rücken klebte.
Der Polizist am Empfang nickte nur. »Können durch zum Büro des Chefs. Am Ende des Gangs rechts.« Er winkte mich weiter.
Sicherheitsproblem. Aber ich hielt den Mund.
Der Zitronenduft ließ nach, während ich dem Flur folgte. Durch die Glaswand zu meiner Rechten sah ich zwei Uniformierte, deren Blicke mir durch die Scheibe folgten. Ein Schild wies das Büro des »Chefs« aus:
Oberkommissar Dieter Gries,
Leiter der Außendienststelle Steinegg (Schwaben)
Ich löste mit der linken Hand das Hemd von meinem Rücken. Die Türe stand offen, ich klopfte trotz-dem.
»Kommen S‘ rein«, kam es von innen.
Der Oberkommissar wartete mit verschränkten Armen hinter der Türe auf mich. Ein breit gebauter, doch nicht sonderlich fitter Mann, Mitte fünfzig mit grauem Ansatz. Sein ursprünglich wohl hellbraunes Haar war ordentlich hinter die Ohren gekämmt. Er trug Uniform. Auf dem Schreibtisch vor ihm lagen Kataloge aus dem Baumarkt neben Polizeiakten.
»Kriminalkommissar Tarot aus der Hauptstadt wohl.« Dieter Gries reichte mir seine Hand. Rau. Dann wies er auf den Stuhl ihm gegenüber.
»Zumindest behaupte ich das. Mein Dienstausweis liegt wohl mitsamt Brieftasche im Auto.«
Der Oberkommissar winkte ab. »Ich glaub’s Ihnen. Willkommen in Steinegg. Kaffee?«
Eine zu laxe Reaktion für einen Dienststellenleiter. Ich nickte und lächelte meine Irritation weg.
Über meinen Kopf nach draußen rief mein Gegen-über: »Zwoa Kaffee wär’n a Traum, danke!« An mich gerichtet: »Zucker, Milch?«
»Schwarz.«
»Schwoarz«, rief er hinaus. Dann lockerte er seine Haltung und schob die Kataloge zur Seite. Einer fasste verschiedene Bodenbeläge.
Dieter Gries lächelte freundlich. »Freut mich immer, wenn man Kollegen von außerhalb kennenlernt.«
Die Augen blieben regungslos.
»Haben Sie öfter Kriminalkommissare hier?«, versuchte ich es mit Humor.
Er lachte auf. »A wo. Wir san ein beschauliches, ruhiges Dorf. Ein paar Diebstähle dann und wann. Paar kleine Tätigkeiten in Trunkenheit. Nicht der Rede wert.« Er faltete seine Hände vor sich auf dem Tisch.
»Die Leiche im Wald ist wohl die Ausnahme?«
»Bestätigen die Regel«, kommentierte Gries. Unaufgefordert schob er mir die Akte zu, die ihm am nächsten lag.
»Finn Leister haben sie Sonntagmorgen am Stoa gefunden. Das ist ein Fels im Forst. Stumpfes Schädeltrauma. Passt zu einem Sturz.«
Der Mann auf den Tatortfotos war kaum jünger als ich. Ein Umstand, der mir bei meiner Arbeit öfter begegnete. Ich überflog den ärztlichen Befund. Mehrere Prellungen an Gliedmaßen und Torso. Geschätzter Todeszeitpunkt zwischen 23 und 24 Uhr Samstagnacht. Der Abschnitt der Forensik war dürftig. Tannennadeln und Erde am Körper.
»Spuren san rar. Die Natur ist geizig«, sagte Gries.
Der Kollege vom Empfang betrat das Büro mit zwei Tassen Kaffee, die er zwischen uns auf den Schreib-tisch stellte.
»Danke, Timo. Mach dann die Tür zu, bittschön«, sagte sein Chef. Citrusgeruch kam und ging mit ihm.
Ich blätterte weiter und spürte, wie die Augen des Oberkommissars jeder meiner Regungen folgten.
»Wer hat das Opfer gefunden?«
»Richard Tiel. Er ist Jäger und war Sonntagmorgen auf Pirsch. Hat die Leiche gesehen und uns verständigt.«
Die Akte fasste ein paar Befragungen – recht knapp gehalten, wie ich fand. Richard Tiel. Maria Leister. Elma Rund. Jakob Kleu. Ich prägte mir die Namen ein.
»Er ist wohl nachts allein raus. Hat sich ordentlich was reingehaut. Ist dann die Klippe vom Stoa runter«, berichtete Gries weiter.
Jakob Kleu beschrieb das Opfer als Gelegenheitstrinker.
»Den Abgrund übersehen oder bewusst runter«, so mein Gegenüber.
Etwas früh für eine Eingrenzung. Ich spürte seinen Blick und blätterte weiter.
»Mei, der Alkohol«, hörte ich ihn seufzen.
»Macht einen Unfall wahrscheinlicher«, murmelte ich. »Reicht allein nicht aus, um auf Suizid zu schließen.«
Ich sah auf und in die zunächst regungslose Mimik des Diensthöheren. »Was hätten S‘ denn gern?«, fragte er dann.
»Gibt es eine depressive Vorgeschichte? Hat er sich kurz zuvor anders verhalten als sonst? Ankündigung, Rückzug, oder ein Abschiedsgeschenk an seine Liebsten?«, zählte ich auf.
»Keine vorherigen Selbstmordversuche. Zumindest net, dass wir wüssten. Auch kein Abschiedsbrief. Aber sein Umfeld hat g‘merkt, dass was nicht stimmt.«
»Ich möchte selbst mit seinem Umfeld sprechen.« Es klang fordernder, als es gemeint war.
»Freilich«, bekam ich zurück.
Doch er bewegte sich nicht.
»Vielleicht jetzt gleich?«
Gries lächelte wohlwollend. »Kei Hetz. Sie san zeitig dran.«
13:11.
»Ich kann mir denken, dass Sie meine Anwesenheit überflüssig finden«, setzte ich an.
Seine Augenbrauen hoben sich fragend.
»Niemand hat gern Leute von außen, die sich einmischen. Das verstehe ich. Aber ich befolge Anweisungen und möchte den Fall gründlich ermitteln.«
Sein Lächeln wurde väterlich. »Keine Sorge. Sie kriegen Ihre Vernehmungen und was S‘ sonst noch wollen.«
Eine starke Ansage, wenn er es ernst meinen würde.
»Warten S’ bitte kurz hier. Dann könn ma los.« Er stand auf und ich sah ihm nach, wie er durch die Bürotür verschwand. Ich hatte nicht erwartet, hier mit offenen Armen begrüßt zu werden. Dafür lief es, denke ich, ganz okay. Ich blätterte noch einmal durch die Akte. Finn Leister. Erstmal musste ich herausfinden, wer er war. Und soweit retrospektiv möglich, seinen mentalen Zustand beurteilen. Meine Fingerspitzen an der Kaffeetasse kribbelten.


Schreibe einen Kommentar zu A WordPress Commenter Antwort abbrechen